Zwischen Likes und Lügen

Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen sind im Internet regelmäßig mit Beleidigungen oder Fake News konfrontiert. Die SozialstiftungNRW fördert deshalb gezielt innovative Projekte, die junge Menschen gegen die Gefahren aus dem Netz wappnen. Das Projkt SafeSurf in Köln begibt sich mit Schülerinnen und Schülern auf die Spurensuche nach Fakes im Internet. 

SafeSurf zeigt Jugendlichen, wie sie Fakes durchschauen

„Das Bild ist nicht echt, kein Mensch hat so reine Haut.“ Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7b einer Kölner Förderschule sortieren Fotos. Sie sollen entscheiden, ob die Bilder echt sind oder fake. Der Workshop des Projekts SafeSurf der Caritas Köln sensibilisiert sie für manchmal feine Unterschiede. Dass es diesen Workshop überhaupt gibt, ist der SozialstiftungNRW zu verdanken. Sie fördert das Projekt im Zuge des Programms „Digitale Teilhabe stärken – gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“.

Fast alle der sieben 13- bis 14-Jährigen im Klassenraum haben schon Erfahrungen mit Fake-News im Internet gemacht. Mateo (alle Namen von Schülerinnen und Schülern sind von der Redaktion zum Schutz der Jugendlichen geändert) berichtet von einem Post, in dem stand, US-Präsident Trump sei gestorben. Dass das nicht stimmt, war ihm gleich klar. Auch bei dem Bild, über das die Klasse gerade diskutiert, liegen die Jugendlichen richtig. Die Workshopleiterin Sabine Hünniger-Rose fragt nach weiteren Indizien, dafür, dass das Bild ein Fake ist. Sie ist pädagogische Fachkraft im Projekt SafeSurf. „Fällt euch noch etwas auf, warum das Bild eher nicht echt ist?“ Zu sehen ist auf dem Foto ein junger Lehrer, mit wirklich sehr reiner Haut, im Hintergrund etwas verschwommen ein Klassenzimmer mit Pulten, Stühlen und einer Tafel.  „Na, der Hintergrund ist viel zu aufgeräumt für eine echte Klasse“, ruft Anne. Alle lachen. 

Tatsächlich können solche Unstimmigkeiten zwischen Hintergrund und Vordergrund oder die etwas zu perfekte Darstellung einer Situation, darauf hinweisen, dass das ganze Bild mit Künstlicher Intelligenz geschaffen wurde und eben nicht der echten Welt entstammt. Der Workshop schafft hier nicht nur Sensibilität dafür, was echt ist und was nicht, sondern auch für die Beweggründe. Dass es oft darum geht, viele Klicks, viele Likes zu generieren, ist den Jugendlichen schon bewusst. „Die wollen berühmt werden“, ist ihre Erklärung. 

SafeSurf trifft Nerv

Im Projekt SafeSurf gibt es insgesamt sechs Module: Außer um Fakes im Netz geht es um persönliche Daten, um Cybermobbing, Social-Media, Abzocke im Netz und Künstliche Intelligenz. Wer drei Workshops besucht hat, bekommt ein Zertifikat. Das hilft den Jugendlichen, wenn sie sich beispielsweise für Praktika bewerben. Das Angebot der Caritas trifft einen Nerv. Innerhalb weniger Wochen waren die Workshops für das gesamte vergangene Jahr ausgebucht. Das Team arbeitet immer noch ab. „Es gibt leider gar nicht so viele Angebote im Bereich Digitalisierung und ohne die Förderung der SozialstiftungNRW könnten wir das auch nicht leisten“, erklärt Sara-Lena Sefrin, zuständig für Fundraising bei der Caritas Köln. 

„Das ist für uns natürlich eine schöne Bestätigung. Es zeigt ganz deutlich, dass digitale Teilhabe in der Sozialen Arbeit noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, und Förderprogramme wie „Digitale Teilhabe stärken – gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“ weiter notwendig bleiben“, erklärt Marco Schmitz, der Stiftungsratsvorsitzende der SozialstiftungNRW. „Es ist schön zu sehen, dass es auf so fruchtbaren Boden fällt und in diesem Fall SafeSurf junge Leute zu einem kompetenten Umgang mit der digitalen Welt befähigt.“

Jugendliche sind auch Experten

Marie Janssen, die stellvertretende Projektleiterin von SafeSurf betont, wie bedeutend Vorgespräche für die Planung der Workshops sind. Zum einen, damit die Workshopleitung weiß, auf welchen Plattformen die Jugendlichen wirklich unterwegs sind. So sei TikTok für 13-Jährige zwar eigentlich noch nicht erlaubt, in der Realität seien dort aber viele Jugendliche in diesem Alter bereits zuhause. Bei den Workshops zu Cybermobbing ist es außerdem wichtig, dass die Workshop-Leiterinnen um mögliche Erfahrungen in der Gruppe wissen und das Thema entsprechend sensibel aufbereiten können. Und manchmal kommen sie in Klassen, in denen nicht alle Kinder lesen können. Dann sind sie darauf vorbereitet, generell viel vorzulesen, damit leseschwache Kinder trotzdem mitkommen und nicht vorgeführt werden.

Heute haben sich die Leiterinnen darauf vorbereitet, den Workshop in einfacher Sprache zu halten. Für die Förderschülerinnen und -schüler wird es sonst schnell zu kompliziert – über die Hälfte der Klasse hat einen Migrationshintergrund. Marie Janssen und Sabine Hünniger-Rose betrachten die Jugendlichen ganz unabhängig vom Alter oder der Schulform grundsätzlich immer als Experten. „Wir kennen ja auch nicht alles und lernen immer auch voneinander“, sagen beide. Beim Sortieren der Bilder in „real“ und „fake“ fällt der Klasse ein Detail auf, das in früheren Workshops noch nie genannt wurde. Es geht um ein Gruppenfoto. Mehrere junge Leute stehen vor einer Kirche, von der man im Hintergrund nur einen Teil der Fassade etwas verschwommen sieht. „Die lachen alle, aber die schauen alle woanders hin“, sagt Mateo, „eigentlich würden doch alle in die Kamera gucken.“

Handy ausnahmsweise erlaubt

Oft sind es Kleinigkeiten, die die KI verraten. Manchmal ist aber auch etwas mehr Recherche nötig, um sie zu entlarven. Vor ein paar Wochen, als Busse und Bahnen fast überall in NRW wegen eines Streiks ausfielen, ging die Nachricht herum, dass deswegen schulfrei sei. Was kann man in so einem Fall machen? „ChatGPT hilft euch bei ganz aktuellen Sachen nicht weiter, die weiß es noch nicht“, erklärt Sabine Hünniger-Rose. Elif hat die Idee, in den Klassenchat zu schreiben und die anderen zu fragen, was eine gute Strategie sei. Die beiden Workshopleiterinnen empfehlen den Jugendlichen bei allem, was sie beunruhigt, tatsächlich Erwachsene anzusprechen. Oft helfe aber auch zum Beispiel der Check, in welchen glaubwürdigen Medien auch darüber berichtet wird. Wenn das Thema zum Beispiel auch in der Kindernachrichtensendung LOGO auftauche, sei es wahrscheinlich echt. Wenn dort und auch in anderen Medien darüber kein Wort verloren werde, spreche das eher für ein Fake. Die Schülerinnen und Schüler üben zum Beispiel die Bild-Rückwärts-Suche mit dem eigenen Handy. Generell sind Mobiltelefone an der Schule verboten. „Uns ist es aber wichtig, dass die Jugendlichen direkt mit dem Gerät üben, dass sie auch meist nutzen“, erklärt Sabine Hünniger-Rose. „Dann merken sie sich den Weg und es ist beim nächsten Mal schon etwas vertrauter.“ Das stärke die Selbstwirksamkeit der Jugendlichen.

„Passt auf, wem ihr folgt.“

Zum Abschluss des zweieinhalbstündigen Workshops schaut sich die Klasse noch zwei Instagramprofile an – und lernt dabei, dass auch Erwachsene vor Fakes nicht gefeit sind. Die Profile zeigen zwei attraktive junge Frauen, die mit Getränken oder bei Events posen. Erst auf den zweiten Blick verraten Hinweise in der Bio (dem Profil) der beiden, dass es sich hier nicht um echte Menschen handelt. Beide Beispiele sind von der KI erschaffen. Sie werben für bestimmte Produkte. Ein indischer Cricket-Star soll einer der beiden KI-generierten Frauen geschrieben haben, weil er sie vermutlich für echt hielt. Auch ein deutscher Fußballprofi soll schon auf ein Fake-Profil hereingefallen sein. Die beiden Workshopleiterinnen weisen noch darauf hin, dass KI-Models im Gegensatz zu echten, nie krank werden, keine Pausen brauchen und keine Pickel bekommen. Eigentlich geht es ihnen hier aber um diese Botschaft: „Passt auf, wem ihr folgt!“ Die 7b weiß jetzt, worauf sie achten muss. Das Fazit der Schülerinnen und Schüler zum Workshop? „Mega-cool“ und „viel besser als Arbeit“. Alle sieben wirken nach zweieinhalb Stunden einigermaßen geschafft, aber zufrieden.

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