Wenn die Totgeburt eines Kindes zum Trauma wird

Projekt schafft bessere Begleitung für Eltern von Sternenkindern

Das Projekt  „Sternenkinder NRW“ entwickelt erstmals Ideen, wie die Betreuung von Eltern bei einer Fehl- oder Totgeburt landesweit verbessert werden kann. Derzeit wird dafür ein Leitfaden entwickelt. Wie wichtig dieses Vorhaben ist, verdeutlicht der Fall einer betroffenen Mutter.

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Für Mia ter Horst war die Totgeburt ihres Sohnes eine traumatische Erfahrung. Ende des sechsten Schwangerschaftsmonats brachte die 28-Jährige ihren im Mutterleib verstorbenen Sohn in einer Klinik auf die Welt. „Die Versorgung war furchtbar“, erinnert sich ter Horst. Nachdem ihr starke Wehenmittel verabreicht worden waren, fühlten sich die junge Frau und ihr Partner alleine gelassen. „Ich hatte das Gefühl, es sollte alles möglichst schnell gehen“, erinnert sich Mia ter Horst. Erst im Nachhinein erfuhr sie, dass sie auch die Möglichkeit gehabt hätte, die Geburt ganz anders zu gestalten – etwa ihr Kind in einem Geburtshaus oder zu Hause zur Welt zu bringen. „Aber darüber wurde gar nicht gesprochen.“

Plüsch-Teddybär liegt mit hängenden Armen über dem Rand eines Kinderbetts, im Hintergrund unscharfe Kleidung und ein Kissen mit Elefantenmotiv.
Foto von Mitchell Luo auf Unsplash

Untersützungsbedarf wird oft nicht erkannt

Ähnliche Erfahrungen wie Mia ter Horst machen Eltern sogenannter Sternenkinder immer wieder. Zwar gibt es in einzelnen Kliniken bereits gute Modelle. Vielerorts wird der Unterstützungsbedarf der Eltern von Totgeborenen aber gar nicht erkannt oder es scheitert daran, dass bestehende Angebote nicht vernetzt sind. Das Modellprojekt „SternenkinderNRW“ entwickelt derzeit erstmals in Nordrhein-Westfalen einen Leitfaden, um die Begleitung betroffener Familien zu verbessern. Es wird am Elisabeth-Krankenhaus in Essen umgesetzt und wissenschaftlich begleitet vom Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie (IGKE) sowie dem Institut für Hebammenwissenschaft (IH) der Universität Köln. Die SozialstiftungNRW fördert das Vorhaben mit 692.900 Euro.

„Es gibt zwar bereits punktuell Unterstützungsangebote“, erklärt Dr. Daniela Reitz, Chefärztin der Frauenklinik am Elisabeth-Krankenhaus. „Doch weil es an klaren Standards und Netzwerken fehlt, entstehen oft Lücken in der Versorgung. Wir wollen deshalb allen beteiligten Berufsgruppen eine Orientierungshilfe bieten, die eine nahtlose Begleitung von Familien mit Sternenkindern ermöglicht.“

Viele Betroffene wünschen sich bessere Beratung

Im Fall einer Tot- oder Fehlgeburt sind die Eltern mit zahlreichen Fragen konfrontiert: Wo und wie kann ein im Mutterleib verstorbenes Baby entbunden werden? Wie können der Abschied und eine Beisetzung des Kindes gestaltet werden? Häufig haben Sternenkinder-Eltern auch Schwierigkeiten, Nachsorge-Angebote zu finden. Mia ter Horst etwa fand keinen speziellen Rückbildungskurs für Sternenkind-Mütter im Radius von einer Autostunde und wurde schließlich nur online fündig. Psychotherapeutische Unterstützung suchte sie vergeblich.

Wie Mia ter Horst wünschen sich viele Betroffene eine bessere Beratung. Es geht vor allem um die Information über Entscheidungsmöglichkeiten – von der Gestaltung der Geburt bis hin zu Hilfen für die Zeit danach. Um die Versorgung von Sternenkind-Eltern umfassend zu verbessern, bezieht das Projekt sowohl Betroffene mit ein als auch die beteiligten Berufsgruppen wie Ärzte, Hebammen, Pflegefachkräfte, Psychotherapeuten, Seelsorger, Trauerbegleiter oder Sozialarbeiter.

Totgeburten sind oft noch ein Tabu-Thema

In Deutschland wurden zuletzt jährlich rund 3.000 Totgeburten registriert. Hinzu kommt die größere Anzahl von schätzungsweise rund 40.000 Fehlgeburten, die sich zu einem früheren Zeitpunkt der Schwangerschaft ereignen. Obwohl also keine Seltenheit, sind Fehl- oder Totgeburten häufig noch ein Tabu-Thema. „Man bekommt oft Floskeln zu hören. Etwa: Du bist doch noch jung, du kannst es doch noch einmal versuchen“, weiß Mia ter Horst aus eigener Erfahrung. Tatsächlich brachte die 28-Jährige knapp zwei Jahre nach dem Verlust ihres Sohnes eine gesunde Tochter zur Welt. Die traumatische Erfahrung der Totgeburt habe sie trotzdem noch nicht ganz verarbeitet, sagt sie. Das Projekt „Sternenkinder NRW“ hat zum Ziel, die Versorgung in Nordrhein-Westfalen so zu verbessern, dass Eltern künftig die notwendigen Hilfen bekommen, um die schmerzliche Erfahrung einer Totgeburt verarbeiten zu können.

https://sternenkinder.uni-koeln.de/