„Hey Remo“, ruft Annette Bartholmes. Die 53-jährige, die in einer Wohneinrichtung des Alsbachtals in Oberhausen lebt, spricht neuerdings mit ihrem Bett. Ihre Augen leuchten, wenn das Kopfteil auf ihren Befehl hoch- oder herunterfährt. Mit Hilfe einer sprachbasierten Steuerung kann Annette Bartholmes erstmals in ihrem Leben selbständig ihre Liegeposition verändern. Für die Frau, die ihre Arme nicht bewegen kann, macht das einen riesigen Unterschied. Vor Einführung der Sprachsteuerung musste sie für diesen Handgriff jedes Mal eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter der Einrichtung rufen. Nun kann sie ihr Bett jederzeit nach Belieben selbst verstellen.
Löffeln auf Knopfdruck
Und das ist nicht die einzige aufregende Neuerung für Annette Bartholmes. Seit kurzem ist auch „Obi“ in ihr Leben getreten. Mit Hilfe des Roboters kann sie erstmals selbständig essen. Bislang war Bartholmes darauf angewiesen, dass ihr jeder Bissen angereicht wurde. Per Knopfdruck steuert sie Obis Arm und kann das Essen nun selbst auf einem Löffel zum Mund führen – ganz im eigenen Tempo. Annette Bartholmes muss nicht überlegen, als sie gefragt wird, ob sie lieber mit Hilfe der Heilerziehungspflegerin an ihrer Seite oder in Eigenregie mit Obis Unterstützung isst. „Selbständig“, platzt es aus ihr heraus.
Insgesamt fünf verschiedene Technologien erproben rund 15 Leistungsberechtigte und zehn Mitarbeitende in der Wohneinrichtung des Alsbachtals im Rahmen des von der SozialstiftungNRW finanzierten Verbundvorhabens „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“. „Die bisherigen Erfahrungen sind durchweg positiv“, stellt Geschäftsführerin Alexandra Niehls fest. „Menschen mit Behinderung erlangen durch die Assistive Technik eine hohe Selbstwirksamkeit.“
Sensoren ermöglichen mehr Privatsphäre
Und nicht nur das. Die Assistive Technik ermöglicht den Menschen auch mehr Privatsphäre. So testen zum Beispiel fünf Menschen in der Wohneinrichtung gerade Sensoren zur Inkontinenzüberwachung. Die Geräte, die die Feuchtigkeit messen, werden in die Vorlagen gesteckt. Wenn die Vorlage gewechselt werden muss, erhält der zuständige Mitarbeitende eine Nachricht auf dem Smartphone. Vor allem nachts biete diese Technik enorme Vorteile, erklärt Mark Morenc, Medizinproduktebeauftragter des Alsbachtals. Denn bislang mussten die Betreuenden die Vorlagen der Klientinnen und Klienten auch nachts regelmäßig auf Nässe kontrollieren, um ein Wundliegen zu verhindern. Das bedeutete jedes Mal, die Betroffenen zu wecken – auch wenn es sich im Nachhinein als unnötig erwies. Dank der neuen Sensoren müssen die Menschen nachts nur noch dann gestört werden, wenn die Vorlage wirklich nass ist.
Wer lebt schon gerne unter ständiger Beobachtung? Für zwei Epileptiker in der Wohngruppe war das Alltag. Denn um bei einem epileptischen Anfall schnell eingreifen zu können, mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie stets im Blick behalten. Das bedeutete: Die Zimmertür musste immer offenstehen. Ein neuer Armbandsensor schenkt den beiden Betroffenen nun mehr Privatsphäre. Innerhalb von acht Sekunden kann er einen Anfall an das Smartphone der zuständigen Betreuerin oder des Betreuers melden.
Exoskelette schonen den Rücken
Auch für die Mitarbeitenden bedeuten die neuen Technologien einen Fortschritt. „Die Technik ersetzt uns nicht – sie gibt uns und den Menschen, die wir begleiten, mehr Freiheit“, sagt Morenc. Zum einen spart sie Zeit, indem die Klientinnen und Klienten Handgriffe, für die sie früher Hilfe brauchten, nun selbst steuern können. Unnötige Kontrollen entfallen. Und damit bleibt mehr Zeit für den Kontakt mit den Menschen. Erleichtert wird den Mitarbeitenden die Arbeit auch durch zwei Exoskelette. Nach 25 Jahren in der Unterstützung von Menschen mit Behinderung spüre er das beim Umlagern der Klientinnen und Klienten an seinem Rücken, sagt Morenc. „Die Exoskelette erleichtern das Heben und sorgen dafür, dass wir unseren Beruf langfristig ausüben können.“
Datenschutz und Mitbestimmung
Keine Frage: Die neuen Technologien ermöglichen den Menschen mit Behinderung mehr Selbständigkeit und erleichtern Betreuern die Arbeit. Doch bei der Anwendung stellen sich auch kritische Fragen: Was passiert beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) mit den Daten der Nutzer? Und wie wird sichergestellt, dass sich die Menschen von der neuen Technik nicht überrollt fühlen? Der Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen Alsbachtal e.V. bezog diese Punkte in die Planung des Projekts ein Datenschutz sei bei den Sensor-Systemen von Anfang an ein Thema gewesen, sagt Morenc. Die Daten würden nicht gespeichert. Zudem seien in das System lediglich die Vornamen der Klientinnen und Klienten eingegeben worden und es würden keine weiteren persönlichen Daten erfasst. Der Bewohnerbeirat der Einrichtung sei von Vornherein in das Projekt und die Auswahl der Technologien einbezogen worden. „Wir sind dann individuell auf die Menschen zugegangen und haben gefragt, ob sie bestimmte Technologien ausprobieren wollen.“ Auch die gesetzlichen Betreuer – in der Regel die Eltern – seien informiert und gefragt worden. Wenn sich herausstelle, dass sich ein Anwender oder eine Anwenderin mit der Technik nicht wohlfühle, werde umgehend darauf verzichtet.
Für Annette Bartholmes käme ein Verzicht auf Remo und Obi allerdings nicht in Frage. „Sie ist sehr stolz auf die neue Technik und genießt es, Dinge allein tun zu können“, beobachtet Morenc.