Die Digitalisierung der Eingliederungshilfe ist längst keine ferne Zukunftsmusik mehr. Im aktuellen „Verbundvorhaben Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ (VvAT) wird in zehn Einrichtungen in NRW bereits erprobt, wie Sensorik, Smart-Home-Lösungen und sprachgesteuerte Dokumentation den Alltag von Menschen mit Behinderungen verbessern und Mitarbeitende entlasten können. Doch wo Technik in die intimsten Lebensbereiche einzieht – vom Schlafzimmer bis zur Pflegedokumentation –, wird der Datenschutz zur zentralen Frage der Menschenwürde.
Technik zwischen Fürsorge und „Gläsernem Menschen“
Assistive Technologien bieten enorme Chancen. Ein Sturzsensor kann Leben retten, eine intelligente Inkontinenzvorlage („Smarte Windel“) kann unnötiges Wecken in der Nacht verhindern. Doch die Art der Technik entscheidet über die Privatsphäre. Ein Beispiel: Um einen Sturz im Badezimmer zu erkennen, könnte man eine Kamera installieren. Das ist technisch einfach, aber ein massiver Eingriff in die Intimsphäre. Datenschutzfreundlicher ist hier die Radar-Technologie. Sie „sieht“ kein Bild einer nackten Person, sondern misst nur abstrakte Wellenbewegungen. Das Ergebnis ist dasselbe (Hilfe wird geholt), aber die Würde bleibt gewahrt. Dies nennt man „Privacy by Design“ – Datenschutz, der schon eingebaut ist. Auch für Mitarbeitende ist das Thema sensibel. Sprachgesteuerte Dokumentation spart viel Tipparbeit. Aber hört das System permanent zu? Werden Daten genutzt, um zu messen, wie schnell jemand arbeitet? Hier muss Datenschutz sicherstellen, dass Technik unterstützt und nicht überwacht.
Die richtigen Fragen stellen
Datenschutzbeauftragte vor Ort und Einrichtungsleitungen sollten nicht erst aktiv werden, wenn die Technik installiert ist. Um ein Gespür für die Risiken zu bekommen, helfen einfache Leitfragen, die man an jedes neue Produkt stellen sollte:
- Perspektive der Leistungsberechtigten: Welche Datenschutz-Risiken entstehen konkret? Versteht die leistungsberechtigte Person, was der Sensor tut, oder fühlt sie sich beobachtet? Wie einfach ist es für sie, „Nein“ zu sagen oder das Gerät abzuschalten?
- Abwägung: Welche Funktionen erhöhen zwar die Effizienz, aber auch das Datenschutzrisiko unverhältnismäßig? Wäre ein klarer Indikator für „schlechte Effizienz“, wenn durch Technik menschliche Zuwendung durch reine Datenkontrolle ersetzt wird?
- Alternativen: Ist das eigentliche Ziel (z.B. Sicherheit) auch mit datenschutzfreundlicherenAlternativen zu erreichen (z.B. Radar statt Kamera, Chip im Schuh statt Gesichtserkennung)?
- Perspektive der Mitarbeitenden: Welche Risiken bestehen für das Team? Werden Leistungsdaten erhoben? Welche Datenschutzrisiken würden Mitarbeitende für sich selbst niemals akzeptieren?
Fazit: Datenschutz muss am Anfang stehen
Die Erfahrungen zeigen: Datenschutz ist kein nachträgliches „Add-on“. Wenn über die Anschaffung von assistiven Technologien nachgedacht wird, müssen die lokalen Datenschutzbeauftragten und die Nutzervertretungen vom ersten Tag an mit am Tisch sitzen.
Nur so stellen wir sicher, dass die Technik dem Menschen dient – und nicht der Mensch zur Datenquelle degradiert wird. Wahre Innovation zeigt sich daran, dass sie Effizienz steigert, ohne die Freiheitsrechte zu beschneiden.
Hier finden sie mehr zum Thema „Verbundvorhaben Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“.