Lichtblick für mehr Selbständigkeit

Eine Wohneinrichtung der Stiftung Bethel erprobt KI-gestützte Technik

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Im Unterstützten Wohnen der Stiftung Bethel in Bielefeld sorgt Assistive Technik nicht nur für mehr Sicherheit. Sie bringt auch Licht und Farbe ins Leben der Klientinnen und Klienten. Die SozialstiftungNRW fördert das Projekt im Rahmen des Verbundvorhabens „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ mit 175.000 Euro.

Daniel* fällt der Start in den Tag schwer. Er braucht jeden Morgen Unterstützung, um rechtzeitig für die Fahrt zu seinem Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung aus dem Bett zu kommen. Seit Kurzem macht ihm das Aufstehen viel weniger Probleme. Jetzt geht morgens automatisch ein sanftes Licht an. Mit einer App kann er eine Lichtfarbe einstellen, die ihm Laune macht. Der Rollladen fährt hoch und auch das Bad ist bereits erleuchtet, bevor er die Tür öffnet.

Vor den Augen von Klient Mustafa Karatas installiert Projektleiter Rolf Wacker das Raum-Monitoring-System Livy Care an der Decke seines Zimmers im Unterstützten Wohnen Beckhausstraße
Copyright: Stiftung Bethel / Matthias Cremer. Vor den Augen von Klient Mustafa Karatas installiert Projektleiter Rolf Wacker das Raum-Monitoring-System Livy Care an der Decke seines Zimmers im Unterstützten Wohnen Beckhausstraße.

Möglich macht das ein KI-gestütztes Raumassistenzsystem, das die Stiftung Bethel mit bislang fünf Klientinnen und Klienten im Unterstützten Wohnen Beckhausstraße in Bielefeld erprobt. Dort leben Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. “Wir arbeiten mit sogenannten Szenen“, erklärt Einrichtungsleiter Benjamin Oberschild. Die Funktionen können dem individuellen Bedarf jedes Nutzers angepasst werden. Smarte Steckdosen und Leuchten bieten den Klientinnen und Klienten eine weitere Möglichkeit, Geräte in ihrem Zimmer nach eigenem Wunsch zu programmieren.

Mehr Sicherheit dank KI-gestützter Raumassistenz

„Die Klientinnen und Klienten sind begeistert, wenn sie davon hören, dass sie durch die Raumassistenz mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung haben“, berichtet Oberschild. Für einige sturzgefährdete Klientinnen und Klienten war es zum Beispiel bislang ein Risiko, nachts alleine auf die Toilette zu gehen. Jetzt kann die Raumassistenz so programmiert werden, dass sich das Licht einschaltet, sobald sich die Klientin oder der Klient auf die Bettkante setzt. Die viereckige Box mit integrierter Kamera an der Zimmerdecke kann auch Stürze erkennen. Das System sendet dann eine Nachricht an das Diensttelefon des Personals. Das nimmt sowohl den Klientinnen und Klienten als auch den Mitarbeitenden die Sorge, dass ein Sturz einige Zeit unentdeckt bleiben könnte. Denn das Personal kann nachts nicht regelmäßig in alle Zimmer schauen. Das wäre auch im Sinne der Privatsphäre der Klientinnen und Klienten nicht wünschenswert. Zusätzlich wurden an verschiedenen Stellen in den Zimmern SOS-Notrufknöpfe installiert. Diese können die Klientinnen und Klienten auch bei sich tragen, um bei Bedarf Hilfe zu rufen.

Das System hilft zugleich auch, Stürze von vornherein zu vermeiden. Es kann etwa melden, wenn ein Klient oder eine Klientin mit Hinlauftendenzen ihr Zimmer verlässt. So erführen die Mitarbeitenden nun beispielsweise, wenn eine ältere sturzgefährdete Klientin sich mit ihrem Rollator auf den Weg mache, erklärt Alina Husemann, Mitarbeiterin im Projekt BEAT (Bethel.regional erprobt assistive Technologien). Dann könne das Personal zu ihr laufen, um sie zu unterstützen. „Diese Funktion ist für die Nachtwachen eine große Erleichterung. Sie wissen nun, dass sie schnell da sind, wenn Hilfe gebraucht wird.“

Augenmerk auf Selbstbestimmung und Datenschutz

Das System stieß allerdings zunächst auch auf Misstrauen, weil die Box an der Decke über eine Kamera verfügt. Datenschutz und Selbstbestimmung seien aber bei der Einführung berücksichtigt worden, betont Husemann. Es finde keine permanente Videoüberwachung statt und es würden auch keine personenbezogenen Daten erhoben. Die Bilddaten würden nach der Auswertung anonymisiert und nicht auswärts, sondern nur im Gerät selbst gespeichert. Grundsätzlich würden für die Nutzerinnen und Nutzer nur solche Funktionen aktiviert, die sie selbst haben möchten. Und sie können die Raumassistenz über ein kleines Keyboard auch selbst deaktivieren. So kann Daniel die Funktionen ausschalten, wenn er zum Beispiel an einem freien Tag einmal nicht durch Licht geweckt werden möchte.

*Name geändert

Zum Hintergrund: Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“

Das Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ ist bundesweit einzigartig. Es erprobt digitale Technologien, die Menschen mit Behinderung mehr Eigenständigkeit ermöglichen und zugleich Pflege- und Assistenzkräfte entlasten. Damit reagiert das Vorhaben sowohl auf die steigenden Anforderungen an mehr Teilhabe und Inklusion als auch auf den Fachkräftemangel. Erprobt werden die neuen technischen Lösungen derzeit in Wohneinrichtungen für Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung von zehn Trägern der Freien Wohlfahrt in Nordkirchen, Ochtrup, Sundern, Mönchengladbach, Euskirchen, Düren, Oberhausen, Gelsenkirchen, Bielefeld, Brakel, Nettetal und Olpe. Insgesamt 1,75 Millionen Euro stellt die Stiftung für die Projekte zur Verfügung.