Lebenshilfe Brakel: Mehr Zeit für die Menschen

Assistive Technik erleichtert die Pflege und sorgt zugleich für mehr Lebensqualität

In Zeiten des Fachkräftemangels und wachsender Anforderungen an Inklusion zeigt die Lebenshilfe Brakel, wie Assistive Technik beides verbinden kann: Effizientere Arbeitsprozesse und zugleich mehr Teilhabe und Lebensqualität von Menschen mit Behinderung.

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Brakel. Siegfried Strauch liebt Lastwagen. Ein solches Fahrzeug einmal selbst steuern zu dürfen, war für ihn bislang utopisch. Doch dank der neuen VR-Brillen in in der Wohnstätte Peckelsheim der Lebenshilfe Brakel kann er sich nun jeden Tag virtuell hinters Steuer setzen: „Die VR-Brillen kommen bei unseren Klientinnen und Klienten richtig gut an“, beobachtet Lena Andres-Pieperling, die bei der Lebenshilfe Brakel für Teilhabebegleitung zuständig ist. Die Brillen ermöglichen Menschen, die im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind, zum Beispiel virtuelle Spaziergänge durch fremde Städte oder eine Runde Golf.

Mann nutzt eine VR-Brille mit zwei Controllern
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Die moderne Technologie, die in der Wohnstätte Peckelsheim getestet wird, geht aber weit über VR-Brillen hinaus. Als Partner im Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ der SozialstiftungNRW führte die Lebenshilfe Brakel neue Technologien ein, die die Arbeit der Mitarbeitenden erleichtern und zugleich die Lebensqualität der 24 Klientinnen und Klienten verbessern. Die SozialstiftungNRW fördert das Projekt mit 175.000 Euro. „Die Qualität der Versorgung hat sich durch die assistiven Technologien verbessert und zugleich macht es unsere Arbeit attraktiver“, stellt Einrichtungsleiter Lothar Jonietz fest.

Weniger Verwaltungsaufwand und mehr Mitwirkung der Klientinnen und Klienten

Ein Beispiel ist die KI-gestützte Sprachdokumentation. Vor Einführung der neuen Technologie mussten die Mitarbeitenden die Zimmer der Klienten verlassen, um Daten wie etwa den Blutdruck dann in einen Computer einzutippen, sagt Andres-Pieperling. Jetzt werden die Angaben gleich in ein Smartphone gesprochen und dann mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in das Dokumentationssystem übertragen. Das spart nicht nur Zeit. „Wir können die Klientinnen und Klienten jetzt auch viel besser mit einbeziehen.“ Eine Klientin lese nun zum Beispiel ihre von der Pflegekraft gemessenen Werte gerne selbst ab und spreche sie anschließend ein. Oder wenn es darum gehe, Ziele für die Klientinnen und Klienten in der Dokumentation festzuhalten, könnten sie ihre Wünsche jetzt auch selbst direkt in das Programm sprechen.

Auch das Bezahlsystem Parto reduziert den Verwaltungsaufwand. Anstelle von Bargeld erhalten Klientinnen und Klienten ihr Taschengeld oder Arbeitsentgelt aus Werkstätten nun als Guthaben auf einer speziellen Kreditkarte – und können damit selbständig einkaufen. In der Vergangenheit mussten die Mitarbeitenden jede Auszahlung quittieren und darüber hinaus die Ausgaben der Klientinnen und Klienten durch Quittungen dokumentieren. Die aufwendige Bargeldverwaltung entfällt nun. Wie Klientinnen und Klienten der Lebenshilfe Brakel von dem neuen Bezahl-System profitieren, berichtete bereits der WDR in einem Fernsehbeitrag.

Person prüft Statusmeldungen auf einem Smartphone
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Eine Erleichterung im Pflegealltag bedeutet auch die Unterstützung durch Sensoren. Ein sensorgestütztes Inkontinenzmanagement meldet etwa, wann ein Wechsel der Vorlage wirklich notwendig ist. Dadurch entfällt der routinemäßige Austausch in bestimmten Abständen. „Das bedeutet für unsere Klientinnen und Klienten keine unnötigen Störungen mehr in der Nacht“, stellt Andres-Pieperling fest. Hinzu kommt: Etwa 30 Prozent weniger Vorlagen würden seitdem gewechselt, sagt Jonietz. Das bedeute zugleich Material- und Zeitersparnis.

Ausgleich zwischen Sicherheit und Privatsphäre

Für einen besseren Ausgleich zwischen Sicherheit und Privatsphäre der Klientinnen und Klienten sorgt ein intelligentes sensorgestütztes Assistenzsystem. Die Mitarbeitenden müssen zum Beispiel bei sturzgefährdeten Menschen Zimmer nicht mehr regelmäßig rund um die Uhr kontrollieren. Ein Sensor löst nun im Falle eines Sturzes Alarm aus. „So konnten wir schon einer Klientin sofort helfen, die nicht mehr alleine aufstehen konnte, nachdem sie gefallen war“, sagt Andres-Pieperling.

„Die Assistive Technik hat uns mehr Zeit für die Klientinnen und Klienten gebracht. Und wir können sie auch besser miteinbeziehen“, lautet das Fazit von Lena Andres-Pieperling nach rund einem Jahr mit der neuen Technologie. Dennoch bleibt die Nutzung der Assistiven Technik für die Klientinnen und Klienten freiwillig. Und sie waren schon vor der Einführung der Assistiven Technik nach ihrem Bedarf und ihren Ideen befragt worden. Zugleich seien Familien und gesetzliche Betreuer vorab in einer Versammlung in die Pläne einbezogen worden, sagt Jonietz. Auch den Datenschutz berücksichtige die Einrichtung. Videofunktionen an den Sensoren seien abgeschaltet worden und die Daten würden nicht gespeichert.

Zum Hintergrund: Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“

Das Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ ist bundesweit einzigartig. Es erprobt digitale Technologien, die Menschen mit Behinderung mehr Eigenständigkeit ermöglichen und zugleich Pflege- und Assistenzkräfte entlasten. Damit reagiert das Vorhaben sowohl auf die steigenden Anforderungen an mehr Teilhabe und Inklusion als auch auf den Fachkräftemangel. Erprobt werden die neuen technischen Lösungen derzeit in Wohneinrichtungen für Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung von zehn Trägern der Freien Wohlfahrt in Nordkirchen, Ochtrup, Sundern, Mönchengladbach, Euskirchen, Düren, Oberhausen, Gelsenkirchen, Bielefeld, Brakel, Nettetal und Olpe. Insgesamt 1,75 Millionen Euro stellt die Stiftung für die Projekte zur Verfügung.

Pflegekraft befestigt einen Sensor an einem Inkontinenzprodukt
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