„Irgendwann war ich so angespannt, dass ich nicht mal die Ruhe hatte, einen Kaffee zu trinken“, erinnert sich Doris Schneider*. Die 61-Jährige pflegt neben dem Beruf ihren Mann. Irgendwann litt sie unter Burnout-Symptomen. „Ich war immer in Eile und mit den Gedanken schon bei der nächsten Aufgabe.“ Ihr Arzt riet dringend zu einer Kur. „Doch ich konnte mir nicht vorstellen, meinen Mann alleine zu lassen.“
Die Lösung war schließlich eine Rehabilitation im Gesundheitszentrum Altastenberg in Winterberg, einer Vorsorgeklinik für pflegende Angehörige der AWO. Dort konnte Doris Schneider Kraft schöpfen, während ihr Mann ganz in der Nähe in einer Kurzzeitpflege untergebracht war.
Pflegende können ihre Angehörigen mitnehmen
Das Gesundheitszentrum Altastenberg ist eine der Kliniken, die an dem Verbundvorhaben „Prävention und Rehabilitation für pflegende Angehörige“ (PuRpA) teilnahmen. Das umfassende Vorhaben erprobte unter anderem Konzepte, um Pflegenden einen Reha-Aufenthalt zu ermöglichen, der auch ihre pflegebedürftigen Angehörigen einbezieht. Die SozialstiftungNRW finanzierte das gesamte Verbundprojekt mit insgesamt knapp 1,87 Millionen Euro. Ausgewertet wurden die eigenständigen Modellprojekte des Verbundvorhabens durch die Hochschule Bielefeld und das Institut für Bildungs- und Versorgungsforschung im Gesundheitsbereich.
So entwickelte ein Modellprojekt der AWO Westliches Westfalen in sechs nordrheinwestfälischen Kliniken ein Konzept für eine dreiwöchige Rehabilitations- oder Vorsorge-Kur für pflegende Angehörige. Neben Bewegung, Entspannungstraining und psychologischer Beratung umfassen diese Kuren besondere Angebote für Pflegende, etwa Angehörigen-Gesprächskreise, Pflege-, Sozial- und Hilfsmittelberatung. Dadurch bekommen die Pflegenden Anregungen und Impulse, wie sie den Pflegealltag künftig stressfreier gestalten können. Zudem können die Patientinnen und Patienten ihre pflegebedürftigen Angehörigen in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung in der Nähe der Kliniken unterbringen oder teilweise auch in die Reha-Klinik mitnehmen.
Nachhaltige Entlastung für den Pflegealltag
Einen etwas anderen Ansatz verfolgte das vom Caritasverband für das Erzbistum Paderborn verantwortete Modellprojekt. Während das Modellvorhaben der AWO ein Konzept zur Vorsorge und Rehabilitation für pflegende Angehörige entwickelte, nahm dieses Projekt das Pflegetandem, also Pflegenden und Pflegebedürftigen, gemeinsam in den Blick. Zeitgleich zum Aufenthalt des pflegenden Angehörigen in der Vorsorge oder Rehabilitation wird nicht nur die Betreuung des Pflegebedürftigen organisiert. Es gibt darüber hinaus Begleitangebote mit dem Ziel, den Pflegebedürftigen zu aktivieren, so dass auch seine Gesundheit verbessert wird.
„Endlich kann ich wieder lachen“
Doris Schneider konnte dank des neuen Reha-Konzepts für pflegende Angehörige wieder neue Kraft schöpfen. „Endlich kann ich wieder lachen“, sagt sie. Nach der Reha hat sie wieder klare Ziele für die Zukunft: Sie will sich mehr Hilfe durch einen Pflegedienst holen und eine Reinigungskraft engagieren, um sich selbst im Alltag zu entlasten. Anhand eines Wochenplans wird sie ihre Aufgaben und Freiräume zur Entspannung strukturieren. „Man hat schließlich nur ein Leben, da sollte man auch an sich selbst denken.“
Der Weg zur Kur – Beratung für Pflegende
Die im Rahmen der Modellprojekte erprobten Konzepte für pflegende Angehörige werden in rund zehn nordrheinwestfälischen Kliniken angeboten. Einen Anspruch auf eine Vorsorge oder Reha für pflegende Angehörige haben gesetzlich Versicherte. Privat Versicherte können sich bei ihrer Kasse erkundigen. Eine Beratung können Betroffene bei den Kostenträgern der Maßnahmen (Krankenkasse, Rentenversicherung, Pflegeversicherung), beim Hausarzt oder bei vielen Kurberatungsstellen der Freien Wohlfahrt erfragen.
Der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn hat eine Info-Seite zum Thema bereitgestellt.
Die AWO bietet eine telefonische Kurberatung für pflegende Angehörige: Christiane Borgmann; christiane.borgmann@aw-kur.de; Tel.: 02981 8999822.
Weitere Informationen: Verbundvorhaben „Prävention und Rehabilitation für pflegende Angehörige“ (PuRpA)
*Name geändert