Sprachgestützter Notruf ermöglicht mehr Privatsphäre
Seit in seinem Zimmer ein sprachgestützter Notruf installiert ist, fühlt sich Frank Konrad nun viel sicherer - auch hinter seiner geschlossenen Zimmertür. Denn mit dem Wort „Hilfe“ kann er die Mitarbeitenden jederzeit alarmieren. So wie Frank Konrad ging es vielen seiner Mitbewohnerinnen und -bewohner. Sie schätzen nun, dass ihnen die neue Technik nicht nur mehr Privatsphäre, sondern auch mehr Sicherheit ermöglicht. „Ich habe einmal ‚Hilfe‘ gerufen, um es auszuprobieren“, schmunzelt Frank Konrad. Mit Erfolg, denn eine Mitarbeiterin war schnell zur Stelle.
Derzeit werde auch getestet, den Wohnkunden per Sprachfunktion Informationen wie Dienstpläne über Tablets und Menüpläne zur Verfügung zu stellen, erklärt Biljana Weidlich, Koordinatorin Eingliederungshilfe. Bislang mussten sich die Menschen diese Informationen vorlesen lassen. Ziel sei, den Wohnkunden mehr Individualität zu ermöglichen, sagt Weidlich. Sie haben nun die Möglichkeit, ihr Essen über das Tablet selbst aus einzelnen Menübestandteilen zusammenzustellen. Außerdem können sie Wünsche für das Abendessen einreichen. „Ich wünsche mir Cheeseburger“, kündigt Frank Konrad an.
Beschwerdemanagement per Sprachbefehl
Mehr Selbstbestimmung war ein weiteres Ziel bei der Einführung Assistiver Technik im Rheinischen Blindenheim. Ein Schritt dahin soll ein sprachgestütztes Beschwerdemanagement per Tablet sein, das derzeit in Vorbereitung ist. „Es gibt bereits ein Beschwerdemanagement, aber die Wohnkunden mussten sich immer jemanden suchen, der die Wünsche oder Beschwerden für sie aufschreibt“, erklärt Weidlich. Gerade wenn es zum Beispiel einmal Probleme zwischen einem Wohnkunden und einer Mitarbeiterin gebe, sei das schwierig. Künftig sollen die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Beschwerden und Anregungen per Sprachbefehl in anonymer Form einreichen können.
Auch für die Mitarbeitenden bedeutet die Assistive Technik eine Arbeitserleichterung. Sie sparen durch ein sprachgestütztes Dokumentationssystem Zeit, die sie den Menschen widmen können. Hinzu kommt: Die Sprachdokumentation macht die Arbeit barrierefrei. Derzeit arbeitet eine blinde Jahrespraktikantin in der Wohneinrichtung, die mit Hilfe des neuen Systems auch die Dokumentation übernehmen kann.
Die Möglichkeiten der Assistiven Technik für blinde Menschen sind noch nicht ausgeschöpft und werden derzeit im Rheinischen Blindenheim weiterentwickelt. Vor Einführung der Assistiven Technik waren die Bewohnerinnen und Bewohner nach ihren Bedürfnissen befragt worden. Ein großer Wunsch von Frank Konrad ist noch offen: Er möchte seine Tür nicht nur schließen, sondern auch abschließen können. Das fällt dem blinden Rollstuhlfahrer derzeit schwer. Doch auch dieser Wunsch soll erfüllt werden. Ein automatisches Schließsystem für Zimmer, die Möglichkeit Fenster und Türen per Sprachbefehl zu bewegen sowie ein Navigationssystem im Haus sind in Vorbereitung. Die SozialstiftungNRW fördert die Einführung Assistiver Technik im Rheinischen Blindenheim mit insgesamt 175.000 Euro.
Zum Hintergrund: Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“
Das Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ ist bundesweit einzigartig. Es erprobt digitale Technologien, die Menschen mit Behinderung mehr Eigenständigkeit ermöglichen und zugleich Pflege- und Assistenzkräfte entlasten. Damit reagiert das Vorhaben sowohl auf die steigenden Anforderungen an mehr Teilhabe und Inklusion als auch auf den Fachkräftemangel. Erprobt werden die neuen technischen Lösungen derzeit in Wohneinrichtungen für Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung von zehn Trägern der Freien Wohlfahrt in Nordkirchen, Ochtrup, Sundern, Mönchengladbach, Euskirchen, Düren, Oberhausen, Gelsenkirchen, Bielefeld, Brakel, Nettetal und Olpe. Insgesamt 1,75 Millionen Euro stellt die Stiftung für die Projekte zur Verfügung.