Ein Online-Einkauf ist für Menschen mit geistiger Behinderung oft nur über Umwege möglich. Der Caritasverband Coesfeld erprobt seit Oktober 2025 in seiner Wohneinrichtung in Nordkirchen ein neues Bezahlsystem, das den Klientinnen und Klienten selbstbestimmtes Einkaufen erleichtert und zugleich den Verwaltungsaufwand stark reduziert. Die SozialstiftungNRW fördert das Projekt im Rahmen des Verbundvorhabens „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“.
Sabine Schubert* hat einen Wunsch: Sie nimmt an einem Oktoberfest teil und möchte dazu gerne Dirndl tragen. Doch wo in der kleinen münsterländischen Gemeinde Nordkirchen ein Dirndl auftreiben? Kein Problem - mit Unterstützung einer Mitarbeiterin schaut sie sich verschiedene Online-Shops an und mit ein paar Klicks ist das Kleid bestellt. Was für die meisten Menschen Alltag ist, wäre noch vor gut einem Jahr für Sabine Schubert eine Hürde gewesen. Eben mal online mit der Kreditkarte zahlen oder an der Supermarktkasse schnell die Debitkarte ans Lesegerät halten – das ist für Menschen mit geistiger Behinderung oft nicht möglich.
Der Grund: Viele Menschen brauchen Unterstützung beim Einkauf und Umgang mit Geld. Leben sie in einer Wohneinrichtung, so wird der Betrag zur freien Verfügung ihnen in der Regel dort in Bar ausgezahlt. „Was das für die Teilhabe bedeutet, wird auch deutlich, wenn man bedenkt, dass Tickets oder Eintrittskarten häufig nur noch online bestellt werden können“, betont Projektleiterin Yvonne Brokop.
Erstmals problemlose Online-Käufe
Mit Hilfe des Bezahlsystems Parto ist für die Klientinnen und Klienten des Caritas-Wohnhauses in Nordkirchen diese Barriere beim Einkauf abgebaut. „Zum ersten Mal können wir nun Onlinekäufe problemlos umsetzen“, erklärt Andé Bußkamp, Ressortleiter Beratung & Wohnen beim Caritasverband Coesfeld. Parto ist eine VISA-Karte, mit der geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Taschengelder der Klientinnen und Klienten verwalten können. Die Mitarbeitenden haben jeweils eigene Parto-Karten. Wenn sie online etwas damit bestellen, können sie sofort die Ausgabe dem jeweiligen Klienten oder der Klientin zuordnen. Nach dem erfolgreichen Start von Parto sollen ab Anfang 2027 auch die Bewohnerinnen und Bewohner ihre eigenen Karten bekommen. Dazu habe das System vom Anbieter zunächst noch weiterentwickelt werden müssen, erklärt Bußkamp.
Quittungen aufkleben gehört der Vergangenheit an
Die Bezahlkarte baut nicht nur Hürden beim Einkauf ab, sondern reduziert auch den Verwaltungsaufwand erheblich. Vor der Einführung hätten die Mitarbeitenden jeweils für jede Wohngruppe eine Kasse mit Bargeld verwalten müssen, erklärt Bußkamp. Jeder Einkauf mit einer Klientin oder einem Klienten musste akribisch abgerechnet werden. Das habe bedeutet, jeden Kaufbeleg einzukleben. Ein weiterer Mitarbeiter musste nachzählen, ob die Kasse stimmt. Auch bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie Besuchen im Kino oder im Zoo mussten die Ausgaben für jeden der Teilnehmenden einzeln belegt werden. Jetzt reichen ein paar Klicks in der Parto-App. „Eine enorme Zeitersparnis“, sagt Brokop. „Zeit, die den Mitarbeitenden jetzt zur Verfügung steht, um sich mit den Klientinnen und Klienten zu beschäftigen.“
Prototyp getestet
Neben dem neuen Bezahlsystem testet der Caritasverband in der Wohneinrichtung in Nordhausen unter anderem eine technische Anwendung, die bislang nur als Prototyp existiert. Dabei geht es um eine intelligente Türsteuerung. Sie soll die Teilhabe von Menschen verbessern, die auf richterliche Anordnung ihre Wohngruppe nicht alleine verlassen dürfen. Die intelligente Türsteuerung soll die Klientinnen und Klienten am Gang und Gesicht erkennen. Die Tür soll sich automatisch schließen, wenn Menschen sich nähern, die das Haus nicht verlassen dürfen. Dadurch könnten freiheitsentziehende Maßnahmen gemildert, der Einsatz von Medikamenten reduziert und die Teilnahme am Gruppenleben verbessert werden, erklärt Bußkamp. Bei der Erprobung des Systems habe sich allerdings gezeigt, dass es noch nicht zuverlässig genug funktioniere. Hier arbeite der Hersteller noch daran, die Software zu verbessern. Bußkamp hofft auf die neue Technik. „Der Bedarf an solchen Lösungen wird nach unserer Einschätzung künftig zunehmen. Wir möchten gerne darauf vorbereitet sein.“
Die SozialstiftungNRW fördert die Einführung und Erprobung assistiver Technologien im Caritas-Wohnhaus Nordkirchen mit 175.000 Euro.
*Name geändert
Zum Hintergrund:
Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“
Das Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“ ist bundesweit einzigartig. Es erprobt digitale Technologien, die Menschen mit Behinderung mehr Eigenständigkeit ermöglichen und zugleich Pflege- und Assistenzkräfte entlasten. Damit reagiert das Vorhaben sowohl auf die steigenden Anforderungen an mehr Teilhabe und Inklusion als auch auf den Fachkräftemangel. Erprobt werden die neuen technischen Lösungen derzeit in Wohneinrichtungen für Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung von zehn Trägern der Freien Wohlfahrt in Nordkirchen, Ochtrup, Sundern, Mönchengladbach, Euskirchen, Düren, Oberhausen, Gelsenkirchen, Bielefeld, Brakel, Nettetal und Olpe. Insgesamt 1,75 Millionen Euro stellt die SozialstiftungNRW für die Projekte zur Verfügung.