Digitale Teilhabe beginnt manchmal mit Strom

Ein Smartphone alleine reicht nicht. Mit dem Projekt „Digitale Brücke“ hat der SKM Köln wohnungslose Menschen im digitalen Alltag unterstützt und neue Zugänge zu sozialen Beratungsangeboten geschaffen.

Christoph* ist nervös, als er in die Beratungsstelle für Wohnungslose des SKM Köln in Ehrenfeld kommt. Er hat eine E-Mail vom Jobcenter bekommen, soll Unterlagen nachreichen und seine Wohnsituation schildern, damit er weiterhin Grundsicherung bekommt. Der 54-Jährige hat viele Jahre als Verkäufer im Einzelhandel gearbeitet. Dann wurde er krank und verlor irgendwann seine Wohnung. Momentan lebt er in einer Notunterkunft für wohnungslose Menschen. Er weiß, dass beim SKM Ehrenamtliche in digitalen Fragen weiterhelfen.

Einer dieser Ehrenamtlichen ist Jerome. Er hat es sich im Aufenthaltsraum der Beratungsstelle in Ehrenfeld bequem gemacht, sein Tablet aufbaut und wartet an einem Vormittag im September sozusagen auf Kundschaft. In der Beratungsstelle können Besucherinnen und Besucher günstig essen, duschen, Wäsche waschen lassen oder auch gespendete Kleidung zu bekommen. Jerome kommt einmal die Woche. Die Fragen, mit denen die Menschen zu ihm kommen, sind ganz unterschiedlich. Mal geht es wie bei Christoph um die Kommunikation mit dem Jobcenter oder darum, online einen Termin beim Arzt zu vereinbaren. Mal braucht jemand Hilfe beim Zugang zu seinem E-Mail-Konto. 

Aufenthaltsraum in der Beratungsstelle
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Christoph ist sichtlich erleichtert, dass Jerome schon da ist. Er ruft auf seinem Smartphone die Mail des Jobcenters auf, um sie Jerome zu zeigen. Einen Computer hat Christoph nicht, er macht fast alles mit dem Smartphone und hat auch schon einmal von „Jobcenter Digital“ gehört, einer App der Jobcenter. „Ich will auf keinen Fall eine Frist versäumen und dann erstmal wieder ohne Geld dastehen“, sagt er und streicht sich etwas fahrig die Haare aus der Stirn. In der App könnte er die geforderten Dokumente direkt hochladen und künftig zum Beispiel auch Anträge direkt in der App stellen. Wie er einen Zugang einrichten kann, ist ihm allerdings erstmal schleierhaft. Darum kümmern sich die beiden gleich gemeinsam.

Powerbanks zum Ausleihen

Für Menschen ohne eigene Wohnung kann tatsächlich schon das Aufladen des Smartphones zum Problem werden. Dabei sind digitale Zugänge heute oft unverzichtbar, um Termine zu vereinbaren, Nachrichten zu versenden, persönliche Dokumente zu sichern. Das betrifft alleine in Köln über 10.000 Menschen wie Christoph. So viele haben in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar dieses Jahres in bereitgestellten Unterkünften geschlafen, weil sie keine eigene Wohnung hatten. Das Landesamt für Statistik zählt in seiner jüngsten Zusammenstellung dazu Menschen in Flüchtlingsunterkünften mit. Nicht berücksichtigt sind diejenigen, die bei Freunden oder Angehörigen untergekommen sind oder auf der Straße leben. Daher liegt die tatsächliche Zahl der Wohnungslosen höher.

Gleichzeitig werden immer mehr Bereiche des täglichen Lebens digital organisiert. Ob Terminvereinbarung oder die Korrespondenz mit Behörden: Ohne digitale Zugänge wird die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zunehmend erschwert. Mit dem Projekt „Digitale Brücke“ will der SKM diese Situation verbessern. Die SozialstiftungNRW hat das Projekt im Rahmen des Programms „Digitale Teilhabe stärken – gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“ über anderthalb Jahre bis September 2026 gefördert. Geräte, Kompetenzen und Beratung: In diesen drei Feldern waren die Verantwortlichen aktiv – und haben die Zielgruppe bei der Projektgestaltung von Anfang an eingebunden. Das hat zum Bespiel dafür gesorgt, dass keine Smartphones verliehen werden. „Das hatten wir vor“, erzählt Projektleiter Jörg Moscher „Das Problem sind aber gar nicht die Geräte, die haben unsere Klienten. Was fehlt sind Lademöglichkeiten.“ Jetzt gibt es Powerbanks zu Ausleihen. Das wird an beiden Standorten – in Ehrenfeld und am Hauptbahnhof gut angenommen. 

Übergabe Powerbank
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Ehrenamtliche geben Hilfe zur Selbsthilfe

Dadurch dass Christoph in einer Notunterkunft lebt, hat er Zugang zu Strom. Der Umgang mit dem Smartphone selbst stellt ihn meist auch vor keine großen Herausforderungen. Aber er weiß, dass da eigentlich noch mehr möglich wäre und damit findet er sich alleine nicht gut zurecht. Wie jetzt mit der App vom Jobcenter. Jerome beruhigt ihn schon durch seine gelassene Art. Gemeinsam scrollen sie sich durch die Menüfolge, geben erforderliche Daten ein und legen ein Profil für Christoph an. Der Ton ist herzlich. Jerome ist als Ehrenamtlicher erst seit ein paar Monaten dabei, und kann schon sagen, dass er künftig im sozialen Bereich arbeiten möchte. Er hatte zunächst Wirtschaftsinformatik studiert: „Der Perspektivwechsel war gut für mich. Hier geht es halt nicht nur darum, immer mehr Geld zu machen“, sagt er.

Über die Unterstützung bei technischen Fragen hat er einen Einblick in die Lebenssituationen der Menschen bekommen, die die Beratungsstelle aufsuchen. Manchmal geht es auch um mehr als die Bewältigung des Alltags: Jerome erinnert sich an einen Mann, dem er gezeigt hat, wie sich mit dem Smartphone TikTok-Videos erstellen und mit Text versehen lassen. Der nutzt diese Möglichkeit nun, um andere über Grundrechte in Deutschland aufzuklären. „Manchmal ist das auch einfach eine Art Übersetzungsarbeit“, meint Jerome, „dann vermittle ich zwischen fachlich, digital und Umgangssprache“. Die meisten der Hilfesuchenden sind wie Christoph über 40 Jahre alt.

Hinweisschild zum Beratungsangebot
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Dem zeigt er jetzt, wie er in der Jobcenter App Nachrichten aufrufen kann und selbst Dokumente hochlädt. „Mir ist wichtig, dass ich das nicht einfach für den Klienten mache“, erklärt Jerome., „Denn dann kann er es später ja alleine immer noch nicht. Wir gehen das Schritt für Schritt zusammen durch.“ Sie suchen direkt auch, wo in der App hochgeladene Dokumente gespeichert werden. Christoph sieht man seine Erleichterung an, als er den Nachweis über seine Wohnsituation gefunden und auch übermittelt hat. Beim nächsten Mal wird er Jerome nicht mehr brauchen. „Wenn die vom Jobcenter wieder was haben wollen und schreiben, kriege ich das alleine hin“, meint her und guckt Jerome an. Der grinst: „Und wenn nicht, zeige ich es Dir nochmal.“

Für Marco Schmitz, Stiftungsratsvorsitzender der SozialstiftungNRW, ein gutes Beispiel: „Es zeigt eindrücklich, wie viel digitale Teilhabe für den Einzelnen bedeuten kann. Hier geht es nicht einfach darum, technische Probleme zu lösen, sondern Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmt mit Dingen umzugehen, die ihnen wichtig sind. Das Projekt ‚Digitale Brücke‘ zeigt, wie wertvoll individuelle Unterstützung sein kann, die an den Bedürfnissen und Lebenssituationen der Menschen ansetzt. Solche Angebote möchten wir mit unserer Förderung stärken.“

Christoph ist nach der Beratung sicherer im Umgang mit digitalen Anwendungen., Sein Zugang zu Angeboten der sozialen Unterstützung und zu Beratung hat sich verbessert. 

Beratung auf digitalen Kanälen erweitert

Wie eng digitale Möglichkeiten und soziale Unterstützung miteinander verbunden sein können, zeigt sich auch in einem anderen Bereich des Projekts. Hier geht es nicht darum, Menschen bei der Nutzung digitaler Technik zu helfen, sondern darum, ihnen den Zugang zu professionellen Fachberatungsangeboten, wie z.B. der Wohnhilfe, der Sucht- oder Schuldnerberatung zu erleichtern. Für manche Betroffene ist es einfacher, per Chat oder Videokonferenz Kontakt aufzunehmen, als persönlich in einer Beratungsstelle vorstellig zu werden. Lange Wege oder Scham können dabei eine Rolle spielen. Darum ist auch das Angebot der digitalen Beratung erweitert worden. Das soll weitgehend auch nach Projektende der „Digitalen Brücke“ erhalten bleiben. Etabliert ist inzwischen eine Beratungsplattform der Caritas. Hier können Klientinnen und Klienten sich registrieren und dann innerhalb der Plattform chatten oder video-telefonieren, aber auch Dokumente hochladen. Die Vision für die Zukunft ist „blended counseling“, eine Art „gemischter Beratung“, bei der immer der Kanal genutzt wird, der den Menschen am besten hilft. 

Dafür könnte künftig auch die Zusammenarbeit zwischen den sozialen Trägern wichtiger werden. „Wir werden mehr in Netzwerken denken müssen“, sagt Moschner. Nicht jeder Träger müsse alle digitalen Beratungsangebote selbst vorhalten. Entscheidend sei, zu wissen, wer in Köln welche Angebote macht, um sie entsprechend nutzen zu können.

 

*Name von der Redaktion geändert